Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, Wesentliches wird meist in wenigen Worten ausgedrückt. Eine Abmachung zum Beispiel: Ich sage zu, dass ich da bin und helfe. Ein klares Wort genügt. Oder auch der Trost: Ich sage, dass ich da bin und höre zu. Ein aufmerksames Wort genügt. So ist es auch heute im Evangelium. Im Leben des Zöllners Matthäus geschieht etwas Unerhörtes. Alles ändert sich von Grund auf. Und dafür genügen drei Worte Jesu: „Folge mir nach.“
Es beeindruckt mich immer neu, wie in so wenigen Worten so Wesentliches überliefert ist. Jesus geht auf denjenigen zu, von dem es die Umstehenden am wenigsten erwartet hätten. Selbst die Freunde Jesu haben damit wohl nicht gerechnet. Einen Außenseiter, einen Kollaborateur mit der römischen Besatzungsmacht, einen Zöllner, ihn ruft Jesus in den engsten Kreis der Zwölf. Erstaunlich.
„Da stand Matthäus auf und folgte ihm“, hieß es schlicht, doch inhaltsreich im Evangelium. In mehrfacher Hinsicht laden diese Worte uns ein, über unser Leben und unsere religiöse Praxis nachzudenken.
Zunächst einmal geht es um die Menge der Worte. Es gibt auch im religiösen Bereich die Versuchung, viele Worte zu machen. Weniger ist mehr. Wenn ich von Erscheinungen oder von Mystikern höre, die Hunderte von Seiten mit ihren Botschaften füllen, bin ich skeptisch, weil ich an die schlichten und knappen Worte des Evangeliums denke. Umso wichtiger ist, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren – auf die Worte und Taten Jesu, wie sie uns die Evangelisten treu überliefert haben. Obwohl es nur wenige Worte sind, reicht ein ganzes Leben nicht aus, sie zu durchdringen. Für die Vertiefung des geistlichen Lebens brauchen wir nicht so viele „Nebenschauplätze“, sondern müssen uns auf die Mitte, auf Christus und sein Wort konzentrieren.
Ein zweiter Gedanke ist das Vertrauen. Die Worte des heiligen Paulus, der über das Gottvertrauen des Abraham schreibt, fordern zu einem Sprung des Vertrauens heraus. Was hat es konkret für Matthäus bedeutet, aufzustehen und alles zurückzulassen: sein Haus, seine materielle Sicherheit, sein Umfeld…? Das war gewiss nicht leicht. Und doch hat er es gewagt, nicht weil ihm dieses oder jenes bewiesen worden wären, sondern weil er Jesus vertraut hat. So wie Abraham Gott „voll Hoffnung geglaubt“ hat, dass er Zukunft und Leben findet, wenn er Gottes Wege geht. Ohne diesen „Sprung des Glaubens“ geht es nicht. Doch der Herr ruft nicht Perfekte und Überflieger, sondern er ruft die, die bereit sind, ihr ganzes Vertrauen auf ihn setzen.
Schließlich ein dritter Gedanke: Die wenigen Worte des Evangeliums sind herausfordernder als eine Menge von Sätzen, weil sie die Konkretheit meines Handelns herausstellen. Viele Worte kann man leicht machen, konkret zu handeln, ist weit schwerer. Doch genau das ist gefragt. Die Nachfolge Jesu ist keine Theorie, sie ist ein Weg. Manchmal mühsam und herausfordernd, doch immer lohnend – in der Gemeinschaft seiner Freunde und mit einem großen Ziel. Ganz konkret wendet sich Matthäus ab von Gewohnheiten, die schlecht oder schädlich sind, von einer übermäßigen Konzentration auf Geld oder Besitz… Ganz konkret wendet er sich dem Herrn zu und schenkt ihm Gehör, schenkt ihm Zeit und seine Talente. Und diese Frage geht jeden von uns an: Woran merkt jemand, dass ich ein Freund Jesu, ein Christ bin – nicht in vielen Worten, sondern in konkreten Taten?
Vielleicht nehmen wir diese Frage mit in die Woche. Sie fordert uns auf, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, auf den Herrn und seine Weisung. Sie ermutigt uns, dass wir ihm ganz vertrauen. Sie führt uns dazu, dass mein Christsein konkret wird in Wort und Tat, in der Liebe zu Gott und zu meinem Nächsten. Amen.
07.06.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
