Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, wir leben in einer lauten Zeit. Häufig laufen Fernsehen, Radio…; oft haben wir das Smartphone in der Hand… Selten erlebt man Stille. Wenn ich mit den Schülern am Beginn der Stunde zur Ruhe kommen will für die Begrüßung, fällt das oft schwer. Und die Erwachsenen sind nicht unbedingt „besser“, auch sie können Stille manchmal schwer aushalten. Oft wird Stille als Mangel empfunden: Da fehlt etwas, da geht es nicht weiter… Ich gebe gerne zu, dass es nicht leicht ist, Stille zu entdecken als Raum, der überhaupt erst das Hören ermöglicht. Dabei ist Hören ein wichtiges Thema – in Beziehung und Partnerschaft, im Miteinander von Gruppen und Völkern, beim Lernen und Verstehen und auch im Glauben.
Die biblischen Lesungen dieses Sonntags sprechen darum vom Hören auf Gottes Wort. Was meint das, Gottes Wort? Spricht Gott? Spricht er auch zu mir? Und wie kann ich ihn hören? Beginnen wir mit dem Wort Gottes. Nach jeder Lesung aus der Bibel ruft uns der Lektor zu: „Wort des lebendigen Gottes“. Wir haben uns an diese Formel gewöhnt. Eigentlich müsste sie uns erschüttern. Das, was wir gerade gehört haben, stammt aus Gottes Mund. Nur wenn die Lesung „anstößig“ ist, wenn etwa Menschen getötet werden, dann merken wir auf. Das soll Gottes Wort sein? Aber das soll uns nicht wegführen vom Entscheidenden. Und das Entscheidende ist: Gottes Wort ist kraftvoll. So wie es uns der Prophet Jesaja in der Ersten Lesung überliefert: Das Wort, das Gottes Mund verlässt, „kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was [er] will, und erreicht all das, wozu [er] es ausgesandt“ hat. Darum verlangt das Wort Gottes zuerst Ehrfurcht. Darum können wir das Wort der Heiligen Schrift im Gottesdienst nicht durch irgendeine andere Geschichte ersetzen.
Das ist eine grundsätzliche Aussage und Zusage. Aber spricht Gott auch zu mir persönlich? Und wenn ja, wo und wie? Das gehörte Evangelium spricht von einem Sämann. Die Hörer Jesu hatten ein Bild vor Augen. Ein Mann hat einen Sack mit Samenkörnen umgebunden und streut den Samen aus. Außergewöhnlich im Gleichnis Jesu ist, dass der Sämann den Samen so verschwenderisch ausstreut. Sofort wird klar, dass es hier nicht um landwirtschaftliche Vernunft geht. Hier geht es um die Fülle. Gott spricht immer und überall: In der Schönheit seiner Schöpfung; in Menschen, die meiner Hilfe bedürfen; in Menschen, die mir beistehen; in Stille und Gebet; in der Feier unserer Gottesdienste; in der Überlieferung seiner Kirche…
Allerdings kommt Gott nicht lärmend und laut daher. Es ist ein kleines Samenkorn. Oft ist es ein unscheinbarer Auftrag. Und doch liegt im Samen die ganze Kraft Gottes, die Kraft, eine Pflanze, ja eine gute Frucht hervorzubringen.
Damit sind wir bereits bei der dritten Frage: Wie kann ich Gott hören? Das Gleichnis Jesu sagt, dass alle Menschen angesprochen sind. Gleichzeitig zeigt es aber, dass nur wenige Gottes Wort so hören, dass es in ihnen Frucht bringt. Wie kann das Wort Gott in mir reiche Frucht bringen?
Das Gleichnis spricht von unterschiedlicher Bodenbeschaffenheit. Das ist meine Aufgabe, den Boden in mir zu bereiten. Das kann beispielsweise heißen, einmal alle Medien abzustellen, um still zu werden, um überhaupt hören zu können. Das kann heißen, regelmäßig im Gottesdienst und vielleicht auch daheim oder im Bibelkreis, die Heilige Schrift zu lesen, um sie durch die Vertrautheit mit dem Wort besser zu verstehen. Schließlich spricht der Apostel Paulus in der Zweiten Lesung vom Heiligen Geist. Der ist so etwas wie Sonne und Regen, die den Samen – so er auf guten Boden gefallen ist – wachsen und reifen lassen. Es braucht Gottes Hilfe und unsere Geduld.
Schauen wir dazu auf das Beispiel der Heiligen, allen voran Maria. Hier sehen wir am deutlichsten, wie es gelingt im Leben konkret auf Gottes Wort zu hören und zu antworten. Damit es auch in uns reiche Frucht bringt. Amen.
12.07.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
