Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, „Geduld“, wenn man nur dieses Wort sagt, löst das in vielen Menschen Nachdenken aus. Wir bewundern Menschen, die mit Geduld ein schweres Los tragen. Wir kennen vielleicht in uns selbst Ungeduld, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es uns gedacht oder gewünscht hätten. Geduld ist eine Tugend – doch sie ist nicht leicht.
Das Buch der Weisheit legte uns eben Zeilen der Bewunderung für Gottes Macht und Stärke vor. Doch diese Macht und Stärke zeigen sich besonders in seiner Nachsicht und Milde, so die Erste Lesung. Beim ersten Hören klingt das wie ein Widerspruch. Ist unsere Welt nicht voll von Männern, die sagen: Ich bin der Größte, der Stärkste… Ich weiß, wo es lang geht. Nicht abwarten, dreinschlagen…
Und es gibt nicht nur dieses Phänomen. Insgesamt kommt es mir so vor, dass unsere Gesellschaft äußerst ungeduldig ist. Dass politische Entscheidungsprozesse meist ein mühsames Ringen bedeuten, leuchtet immer weniger Menschen ein. Warum machen die da oben „nichts“? Oder vielmehr warum die nicht das, was ich mir erwarte? Oder die neuerliche Diskussion um den Sonntagsschutz zeugt von Ungeduld. Viele halten es kaum aus, wenn an einem Tag der Woche Ruhe herrschen soll und nicht alle Geschäfte offen sein sollen… Oder am Anfang und Ende des Lebens. Früher war den Menschen die Unverfügbarkeit klar: Ein Kind kommt dann auf die Welt, wenn es so weit ist. Und ein Mensch stirbt, wenn seine Stunde gekommen ist. Ungeduldig will der Mensch heute in diese Prozesse eingreifen – in der Meinung, es besser zu können oder zu wissen.
Jesus lehrt seine Jünger im Evangelium zuerst Geduld. Der Samen muss wachsen und reifen. Es nutzt nichts, an ihm zu ziehen oder zu zerren. Und es gibt kein Wachsen ohne Herausforderungen. Auch Unkraut wächst mit dem Weizen. „Lasst beides wachsen bis zur Ernte“, sagt der Herr. Wir merken, Geduld entsteht aus dem Abschied von Allmachtsphantasien. Darum ist der Glaube ein so kostbares Gut. Er erinnert uns daran: Du hast nicht selbst alles geschaffen. Dein Leben ist Gabe Gottes. Das Wachsen gelingt nicht ohne seine Hilfe, nicht ohne Sonnenschein und Regen… Letztlich müssen wir staunen über das Wunder des Lebens. Unverfügbar ist jedes Menschenleben – in seinem Entstehen und in seinem Sterben. Daran wollen wir als Christen festhalten.
Freilich bedeutet Geduld nicht Untätigkeit. Jesus verbindet mit dem Gleichnis vom Unkraut im Weizen auch noch zwei kurze Gleichnisse. Er spricht vom Senfkorn, aus dem ein mächtiger Baum wächst. Und vom Sauerteig, der den ganzen Teig durchsäuert. Der Glaube erinnert uns nicht nur an die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens. Er spricht auch davon, welche Kräfte das Gottvertrauen freizusetzen vermag. Ja, wir müssen das Unsere tun – das, was in meiner Kraft steht, um das Leben gut zu machen. Doch wir dürfen immer vertrauen, dass Gottes Segen unser kleines Bemühen groß macht. Er lässt wachsen und reifen. Und so wird aus einem kleinen Anfang, der mit glaubender Zuversicht gesät wurde, ein großes Werk. So viele Heilige bezeugen uns das mit ihren Missions- oder Hilfswerken, die sie im Kleinen begonnen haben und aus denen Großes geworden ist. Sollte es in unserem Leben anders sein?
Bitten wir den Herrn um die Gabe der Geduld, um die Achtsamkeit für das Wachsen und Werden und für die Zeit, die es dafür braucht. Gehen wir aber auch mit großem Gottvertrauen unseren Weg, dass der „Geist sich unserer Schwachheit annimmt“, dass mein Leben und Wirken – wenn es mit Gottvertrauen begonnen wird – reiche Frucht bringen wird. Amen.
19.07.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
