Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, „was habe ich davon?“ Das ist eine häufig gestellte Frage bei der Verteilung von Aufgaben – sei es ausgesprochen oder unausgesprochen. Wir haben in uns meist ein Sensorium für die Verbindung zwischen Arbeit und Lohn, zwischen verhältnismäßigem Aufwand und Ertrag… Meist haben wir eine Einschätzung, was wir für angemessen oder eben unangemessen halten. Freilich kann diese Einschätzung auch daneben liegen, oder Erwartungen können unerfüllt bleiben.
Offensichtlich kennt auch Jesus diese Kategorien. Er spricht im Evangelium davon, dass jemand, der einen Propheten aufnimmt und vermutlich bewirtet, das erwarten darf, was eben ein Prophet zu geben vermag. So weit, so logisch. Dass dieser Lohn manchmal sogar größer ist, als man erwartet hatte, erzählt uns die Erste Lesung vom Propheten Elischa, dessen fürbittendes Gebet seiner Gastgeberin Kindersegen beschert.
Nun wäre es dennoch zu wenig, die Lesungen dieses Sonntags nur dahingehend zu verstehen, dass es um angemessenen Lohn für entsprechende Leistungen geht oder um manchmal überraschende „Zugaben“ oder „Zulagen“. Jesus formuliert im Bild einer Klimax. Der Vergleich scheint sich zu steigern: der Prophet, der Gerechte. Und nun würde man jemand noch Bedeutenderen erwarten. Wer könnte das aber sein, außer der Herr selbst? Jesus spricht nun von „Kleinen“, die sich einzig dadurch auszeichnen, dass sie „seine Jünger“ sind. Und ihnen einen Becher frisches Wasser zu geben, das soll reichen Lohn einbringen. Doch – wie eingangs gefragt – was habe ich davon, einen „Kleinen“ aufzunehmen, der selbst nichts hat?
Der Evangelist Matthäus überliefert uns zuvor Worte Jesu über die radikale Nachfolge. Ziemlich harte Worte sind das. Wer Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter – also die wichtigsten Menschen, die es im Leben gibt – „mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“, sagt Jesus. Mildern wir das nicht vorschnell ab, als habe er das nicht so ernst gemeint. Warum sagt Jesus es dann?
Jesus spricht nicht einfach über dasselbe Familienverständnis, das unsere heutigen Vorstellungen prägt. Wir gehen heute davon aus, dass Mann und Frau in Freiheit zueinander finden, aus Liebe heiraten… Das ist etwas Kostbares. Freilich ist auch das – nüchtern betrachtet – nicht frei von eigennützigen Motiven. Natürlich erwartet sich jeder auch etwas von seinem Partner oder seiner Partnerin. Was das ist, vermag nur jeder für sich selbst zu beantworten.
Aber zur Zeit Jesu war eine Familiengründung weitaus stärker eine pragmatische Entscheidung. Rein wirtschaftlich konnte niemand allein überleben. Vater und Mutter sowie Sohn und Tochter stehen hier zunächst einmal für die wirtschaftliche und finanzielle Absicherung. Lebensnotwendig. Die Zuhörer Jesu haben das verstanden. Und hier setzt Jesus an. Die Bindung an ihn, sagt er, gibt eine weitaus größere Sicherheit als diese lebensnotwendigen Absicherungen.
Doch das muss ich erst glauben können. So fordert uns dieser Sonntag heraus, nachzudenken: Was gibt mir Sicherheit? Glaube ich, dass Christus mir mehr Sicherheit gibt als alle Versicherungen, Medikamente, Immobilien etc. dieser Welt? Habe ich den Mut, etwas von mir zu geben für die Sache Jesu, für die Kirche, für die „Kleinen“, die bedürftigen Freunde Jesu im Wissen, dass ich tatsächlich „etwas davon habe“ – nämlich den Lohn, den Jesus seinen Jüngern verheißen hat. Amen.
28.06.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
