Ez 47,1-2.8-9.12; 1 Kor 3,9c-11.16-17; Joh 2,13-22
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, vor zwei Wochen hat unser Heiliger Vater Frankreich besucht. Mit einer Pilgergruppe waren wir zur gleichen Zeit im Land und durften etwas spüren von der Glaubensfreude dieser Tage. Vielleicht haben sie die Bilder gesehen von den zahlreichen, vor allem jungen Menschen, die mit dem Papst gebetet und gefeiert haben.
Auf dem Rückflug hat ein Journalist Papst Leo zur Situation der katholischen Kirche in Deutschland befragt. Zahlenmäßigen erleben wir ja einen Rückgang, was die Mitglieder und den Gottesdienstbesuch betrifft. Der Heilige Vater entgegnete dem Journalisten: „Das hat man in der Vergangenheit auch über Frankreich gesagt, und doch haben wir gesehen, was in den letzten vier Tagen passiert ist. Ich glaube, wenn wir den wahren missionarischen Geist und den richtigen Weg dafür finden, gibt es in Deutschland immer noch sehr, sehr viele Menschen, die ihren christlichen und katholischen Glauben leben und feiern wollen.“
Ich finde diese Worte unseres Papstes sehr ermutigend. Am heutigen Kirchweihfest lohnt es sich ein wenig darüber nachzudenken, was uns als Kirche Christi ausmacht und wie wir einen guten Weg in die Zukunft finden.
Die Lesung aus dem Buch Ezechiel beschreibt den Tempel als einen anziehenden Ort. Eine Quelle mit lebensspendendem Wasser entspringt dort. Dieses Wasser erfrischt und belebt das ganze Land, das mit ihm in Berührung kommt. Was können wir in diesem Bild erkennen? Es gibt eine lebensspendende Quelle, die Christus seiner Kirche anvertraut hat: Das ist sein Wort und das ist seine Gegenwart in den Sakramenten. Die Kirche hat von Jesus den Auftrag erhalten, seine Botschaft bis an die Grenzen der Erde zu tragen und seine Gegenwart in den Sakramenten zu feiern. Wo sie das tut, finden Menschen in die frische Quelle.
Es lässt sich auch in unserem Land beobachten, dass junge Menschen genau das suchen. Sie fragen nicht nach „synodalen Gremien“ oder der Verwaltung großer Gebäude. Sie fragen nach dem, was ihrem Leben Sinn zu geben vermag. Sie fragen nach dem lebendigen Gott. Und das ist der kostbarste Schatz der Kirche, dass sie Auskunft über Gott geben kann, weil Christus ihr seine Botschaft und sein Leben anvertraut hat, um es mit den Menschen zu teilen.
Das schroffe Evangelium von der Tempelreinigung ist gleichzeitig eine Mahnung: Was ist wesentlich oder was ist überflüssig? Ich freue mich sehr über den „missionarischen Geist“, von dem der Papst spricht, der in Initiativen aufleuchtet: Ich denke an den Kreativnachmittag oder an die Familienwallfahrt nächstes Jahr; an unsere Versuche, mit der Öffentlichkeitsarbeit Menschen zu erreichen über unseren Kreis hinaus. Ich sehe aber auch die Herausforderung, dass viele Ehrenamtliche und auch wir, Seelsorger, mit der Erhaltung der bestehenden Strukturen so gebunden sind, dass für missionarische Projekte keine Kraft und Zeit mehr bleibt.
Hier gilt vielleicht: Weniger ist mehr. Mein Tag hat dieselbe Anzahl von Stunden, ob ich für eine, fünf oder zwanzig Kirchen zuständig bin. Diese Begrenztheit der Ressourcen zwingt zur Priorisierung. Und hier hilft nicht das Jammern. Ich muss Entscheidungen treffen, was ich an die erste Stelle setze, weil es der Verlässlichkeit und der Qualität der Verkündigung dient. Das schließt auch ein, dafür andere Dinge zurückzusetzen, die vermutlich auch lieb und teuer sind. Zweiteres ist das Schwerere. Das ist eine Unterscheidung. Kriterium dafür ist der Auftrag der Kirche: Das Evangelium Christi in Wort und Tat verkünden und seine Gegenwart in den Sakramenten feiern.
Wir müssen uns von Nebenschauplätzen verabschieden. Das ist nicht leicht. Christus verkünden, nicht mehr, aber vor allem nicht weniger. Eine hochaktuelle Aufgabe! Seine Botschaft birgt so viel Hoffnung, dass wir keine Angst vor der Zukunft zu haben brauchen. Sie zu leben und weiterzusagen, ist Aufgabe genug. Amen.
11.10.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
