Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, Gerechtigkeit ist eine wertvolle Tugend. Aus Erfahrung wissen wir, nur wenn ein gewisses Maß an Gerechtigkeit herrscht, herrscht auch Frieden zwischen Menschen und Gruppen. Diese Tugend setzt sich zusammen aus einem natürlichen Empfinden und aus vermittelten Werten. Wir haben sozusagen ein Gespür, was gerecht ist oder was wir als gerecht empfinden. Und wir haben durch Erziehung, durch Überzeugungen und unseren Glauben eine Art Koordinatensystem, mit dem wir Handlungen als gerecht oder ungerecht einordnen.
Diese Faktoren sorgen dafür, dass sich unser Gerechtigkeitsempfinden im Laufe eines Lebens oder in bestimmten Situationen verändert. Kinder haben z.B. manchmal ein „übersteigertes“ Gerechtigkeitsempfinden. Ein Geschwisterkind bekommt etwas, dann fordert das andere Kind ein: Das will ich auch haben. An diesem Beispiel kann man sehen: Die Gleichbehandlung ist ein wichtiger Grundsatz. Nicht nur für Kinder. Gleichzeitig braucht es aber auch den Blick dafür, was der Einzelne in seiner Situation benötigt. Es kann eben sein, dass ein Kind – in einer Zeit der Krankheit oder in einer Prüfungsphase – tatsächlich mehr Aufmerksamkeit und Begleitung braucht. Das ist nicht einfach für die anderen Geschwister, aber es ist nicht „ungerecht“.
Gerechtigkeit schwebt ja nicht im luftleeren Raum, sondern sie ist eine Tugend, also sie verwirklicht sich in der konkreten Anwendung. Ich habe das an Kindern versucht zu verdeutlichen, aber man könnte es über unsere Gesellschaft ebenso sagen. Wir diskutieren häufig über das, was „die anderen“ bekommen oder zu viel bekommen… Und es fällt uns schwer zu sehen, was jeder bedarf. Und viele können offenbar nicht sehen, dass man eigentlich froh sein muss, wenn man keine staatliche oder sonstige Hilfe braucht, sondern selbständig sein Leben meistern kann.
Das heutige Gleichnis Jesu löst bei Zuhörern meist sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Die einen sagen: Das ist ungerecht, wenn man den gleichen Lohn für eine oder zehn Stunden Arbeit bekommt. Die anderen sagen: Das ist tröstlich, wenn beim Herrgott auch die Arbeiter der letzten Stunde Hoffnung haben dürfen, das zu bekommen, was sie zum Leben brauchen. Denn genau das ist der „eine Denar“: das, was man für einen Tag zum Leben braucht. Kein Überschuss, kein Luxus, nur das, was ich heute brauche.
Die Spannung des Gleichnisses lässt sich nicht auflösen. Jesus wusste, dass er mit seinen Worten auch provoziert. So sind sie ein Impuls zum Weiterdenken und zur Gewissenerforschung:
Wo gibt es eine Spannung zwischen meinem Gerechtigkeits-Empfinden und der tatsächlichen Gerechtigkeit? Sehe ich, was der andere und was ich tatsächlich brauche für den heutigen Tag? Oder was ich einfach „auch haben“ will? Nehme ich die Einladung des Herrn, in seinem Weinberg mitzuarbeiten, an oder verzögere ich sie?
Und schließlich tröstet mich das Gleichnis: Gottes Gerechtigkeit und Güte sind nicht voneinander zu trennen. „Er ist groß im Verzeihen“, hieß es in der Erste Lesung. Das ist keine Bequemlichkeit, sondern umso mehr seine Anziehungskraft: „Sucht den Herrn, er lässt sich finden!“. Amen.
20.09.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
