Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, ich gebe offen zu: Bevor ich Pfarrer in Stadtlauringen wurde, wusste ich nicht viel über den seligen Liborius Wagner. Klar, den Namen hatte ich schon gehört. Ein paar Dinge aus seiner Leidensgeschichte wusste ich. Aber wirklich befasst mit ihm, habe ich mich erst, als ich als Pfarrer in gewisser Weise einer seiner Nachfolger wurde.
Ich kann darum ein wenig die Menschen verstehen, denen Liborius Wagner unbekannt oder gar fremd ist. Sicher ist die Herangehensweise auch unterschiedlich – je nachdem in welchem Umfeld oder in welcher Konfession man groß geworden ist. Dennoch möchte ich den Versuch wagen, zwei Impulse aus seinem Leben aufzuzeigen, die uns allen als Christgläubige etwas zu sagen haben.
Mut, einen neuen Weg zu suchen
Geboren 1593 in Mühlhausen wächst der junge Liborius im lutherischen Bekenntnis auf. Die wenigen Zeugnisse aus seiner Schulzeit belegen, dass ihm das evangelische Bekenntnis, wie er es von seinen Eltern kennenlernte, wichtig war. Er hat die Möglichkeit, in Gotha, Leipzig und Straßburg zu studieren. Doch es folgt eine Krise. Nach dem erfolgreichen Studienabschluss kehrt Liborius nach Mühlhausen zurück. Seine Bewerbung für die Stelle eines Lehrers wird abgelehnt. Vielleicht ist er überqualifiziert. Vielleicht sind es andere Gründe. Wir wissen es nicht. Dennoch können wir uns vorstellen, dass diese Ablehnung ihn tief getroffen hat. Wie soll nun sein weiterer Weg aussehen?
Über die drei folgenden Jahre, die er wieder in seinem Elternhaus verbringt, wissen wir nahezu nichts. Wir wissen nur, dass er sich danach auf den Weg nach Würzburg macht. Und allein das Ziel dieser Reise ist eine Entscheidung für einen neuen Weg. In der damaligen konfessionellen Aufteilung Deutschlands kann man das nicht anders deuten.
Ja, als katholischer Christ fällt es mir leichter, die Richtung dieses Weges mitzuvollziehen. Aber im Kern geht es ja nicht um einen anderen Glauben. Liborius findet für sich einen Weg, den Glauben an Christus in einer – für ihn – neuen Form zu leben. Und das ist eine hochaktuelle Aufgabe.
Es liegt auf der Hand, dass wir den Glauben nicht mehr einfach in den Gebäuden und Formen unserer Vorfahren weiterführen können. Auch wenn sich jetzt bei dem einen oder anderen innerer Widerstand regt. Wenn wir ehrlich die Zahlen der Menschen anschauen, die wir – ob evangelisch oder katholisch – erreichen, wenn wir ehrlich den Altersdurchschnitt der Gläubigen in unseren Gottesdiensten und Veranstaltungen betrachten, dann ist eindeutig: So kann es nicht weitergehen. Mit welchen Kräften wollen wir in einem Ort wie Altenmünster zwei – früher sogar drei – Kirchen pflegen und erhalten? Und wer wird sich in ihnen zum Gebet versammeln?
Es ist eine Krise, in der wir uns befinden. Über die müssen wir wie der junge Liborius geistlich nachdenken. Und es ist uns aufgegeben, einen neuen Weg zu finden, wie wir den einen Glauben leben können.
Auf dem Platz bleiben, auf den ich gestellt bin
Die Aufgabe ist mir sehr wichtig. Sie soll aber nicht zur Panik oder zur Resignation führen. Auch dafür kann uns der selige Liborius ein Beispiel sein.
Am 11. September 1626, also heute vor 400 Jahren, ernannte ihn der Würzburger Bischof zum Pfarrer von Altenmünster. Nach den damaligen Regeln war Wagner damit für sämtliche Bewohner des Ortes zuständig, wenn es um Amtshandlungen wie Taufen, Trauungen und Beerdigungen ging. Ihn als Pfarrer einzusetzen, war das Recht des Würzburger Bischofs. Die weltliche Herrschaft hatte Philipp Albrecht Truchseß zu Wetzhausen inne, deshalb war und ist Altenmünster mehrheitlich evangelisch.
Ob man „bewusst“ einen Konvertiten als Pfarrer in den Ort sandte, darüber spekulieren die Historiker. Wenn es so gewesen sein sollte, könnten die Motive auch unterschiedlich gedeutet werden. Dachte man daran, dass er die Protestanten aus seiner eigenen Biographie heraus besser verstehen würde, oder dachte man daran, dass er als Konvertit, andere zum Übertritt bewegen würde. Wir wissen es nicht.
Mich beeindruckt, dass Wagner in Treue seinen Dienst tut. Er war kein außergewöhnlicher Pfarrer. Er stand vor den „normalen“ Aufgaben, Menschen zu taufen und zu beerdigen, das Evangelium zu verkünden, die Messe zu feiern, das Kirchengebäude einigermaßen instand zu halten… Und all diese Aufgaben erfüllte er in der Zerrissenheit seiner Zeit zwischen den Anforderungen seiner weltlichen und geistlichen Vorgesetzten. Er war Pfarrer inmitten von Menschen, von denen einige seine Überzeugungen teilten, einige sie ablehnten und vermutlich einige gleichgültig für all das waren. Vielleicht gar nicht so unähnlich unserer Zeit.
Und Liborius Wagner bleibt auf seinem Posten. Darin ist er uns ein Vorbild. Nicht davonlaufen, nicht resignieren, nicht von einer Welt oder Kirche träumen, die es gar nicht mehr oder gar nicht gibt. Sondern täglich seinen Dienst tun, das Wesentliche tun.
Und was ist dieses Wesentliche? Es ist etwas, indem wir uns als Christen einig sind oder einig sein sollten: Das Evangelium leben und verkünden. Diese Botschaft kann Hoffnung bringen in jede Zeit und Situation. Dafür sind wir auf den Namen Christi getauft, damit wir seine Zeugen sind in Wort und Tat.
Sicher wäre es naiv, Unterschiede, die es nun einmal zwischen den Konfessionen gibt, zu leugnen. Doch der Herr selbst hat darum gebetet, dass seine Jünger eins seien, „damit die Welt glaube“. Am Martyrium von Liborius Wagner sehen wir beispielhaft, wohin die Zerrissenheit der Christenheit führen kann. Umso mehr ist es uns aufgegeben, nach neuen Wegen zu suchen, den einen Glauben zu leben, und treu zu bleiben in unserem Dienst. Amen.
11.09.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
