Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, mich berührt in der Heiligen Schrift immer neu die Ehrlichkeit, mit der Höhen und Tiefen benannt werden. Höhen und Tiefen des Lebens, Stärken und Schwächen des Menschen begegnen uns im Wort Gottes. Und wie sollte es auch anders sein. Gott spricht sein Wort zu konkreten Menschen – mitten hinein in ihre Hoffnungen und Herausforderungen.
So begegnet uns in der wunderbaren Ersten Lesung der Prophet Elija. Für die Sache Gottes hatte er sich eingesetzt. Offen war er auf dem Berg Karmel den Baalspriestern und ihrem vergeblichen Kult entgegengetreten. Die Schrift berichtet geradezu von einem Wettstreit: Wessen Opfer wird angenommen? Wessen Gebet wird erhört? Elija verspottet die Baalspriester, die vergeblich um ein Zeichen von oben rufen. Ob ihr Gott schwerhörig sei oder ob er vielleicht schlafe, fragt Elija sein Gegenüber. Wer sich in der Heiligen Schrift auskennt, weiß, dass Gott das Opfer des Elija mit Feuer angenommen hat. Die Sache scheint entschieden. Alles klar. Elija und die wenigen Getreuen haben sich durchgesetzt.
Doch um den eben gehörten Abschnitt zu verstehen, muss man wissen, dass die Geschichte anders weiterging. König und Königin, die herrschende Mehrheit zeigt sich keineswegs überzeugt durch dieses göttliche Zeichen. Vielmehr trachten sie nun Elija nach dem Leben, und der muss in die Wüste fliehen. Hatte Gott, der sich eben noch in Zeichen und Wundern offenbart hatte, ihn verlassen? Versteckt in einer Höhle fällt dem Propheten sogar das Beten schwer.
Das Evangelium berichtet uns von einer ähnlichen Situation. Nach der Speisung der 5000, von der wir am letzten Sonntag gehört haben, nach diesem eindrucksvollen Wunder Jesu, geraten seine Freude in einen Seesturm. Das Fischerboot droht zu kentern. Sie schreien um ihr Leben.
Geht es uns nicht manchmal ebenso? Wir kennen Momente der Freude und der Zuversicht, in denen wir die Nähe Gottes geradezu greifen können. Die lassen sich aber nicht einfach konservieren oder festhalten. Und wir kennen auch Momente, wo uns Gott fern erscheint, wo wir vielleicht sogar an seiner Macht und Güte zweifeln, wo es uns schwerfällt, zu ihm zu beten. Wenn wir nochmals in die Heilige Schrift blicken, dann tröstet uns, dass es selbst den Propheten und Aposteln nicht anders ging als uns.
Entscheidend ist – wie so oft – die Treue, das Durchhalten. In aller Not und Verzweiflung hört Elija nicht auf, nach Gottes Spuren Ausschau zu halten. Nicht groß oder laut, nicht in Feuer oder Sturm tritt Gott in sein Leben, sondern in einem „leisen Säuseln“. Nur wer aufmerksam hinhört, kann es bemerken. Es ist derselbe Ruf, den Jesus seinen verängstigten Freunden im Boot zuspricht: „Habt Vertrauen; ich bin es; fürchtet euch nicht!“
Den Freunden Jesu bleiben die Stürme nicht erspart. Doch wir wissen um den Wert der Treue, um den Lohn des ausdauernden und täglichen Hinhörens. Die leise Stimme Gottes sagt uns seine Nähe zu. Das ist der Trost für unseren Weg: Wer glaubt, ist nie allein! Amen.
09.08.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
