Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, Glaube und Gemeinschaft gehören zusammen. Jesus beruft Menschen, dass sie sich für ihn entscheiden. Diese Entscheidung ist untrennbar mit der Aufnahme in die Gemeinschaft der Freunde Jesu verbunden, die wir die Kirche nennen. Alleine kann man Jesus nicht nachfolgen. Wir brauchen Unterstützung und Wegweisung.
Gleichzeitig weiß jeder von uns, der mit anderen Menschen zusammenlebt oder zusammenarbeitet, dass Gemeinschaft auch herausfordernd ist. Es ist nicht einfach, wenn manchmal der eine langsamer oder schneller ist, Geduld füreinander zu haben. Auch hat jeder seine Eigenheiten und Eigenschaften, die natürlich eine wertvolle Ergänzung sind, manchmal zur Erheiterung beitragen, aber eben immer wieder auch anstrengend zu ertragen sein können.
Jesus weiß darum. Und im heutigen Evangelium finden wir so etwas wir eine „Gemeinderegel“. Es liegt auf der Hand, dass es in jeder Familie, Gruppe oder Vereinigung Regeln braucht. Was machen wir und was machen wir eben nicht… In der Theorie werden dem wohl die meisten Menschen zustimmen. Konkret wird es dort, wo sich einer nicht an die Regeln hält. Wie geht man damit um? Übersieht man das höflich? Schimpft man ihn? Zerbricht die Gemeinschaft daran?
Diesen Fragen geht schon die Erste Lesung nach. Und im Evangelium konkretisiert es Jesus. Er spricht über die notwendige Sorge füreinander. Natürlich dürfen wir nicht kleinlich oder pedantisch sein, aber der Hinweis auf geltende Regeln kommt aus der Sorge, dass keiner verloren geht, sagt Jesus. Wir tragen Sorge, dass alle einen guten Weg finden. Wir tragen Sorge, dass die Gemeinschaft beieinanderbleibt.
Der Auftrag Jesu ist ziemlich klar: Zunächst unter vier Augen etwas ansprechen, dann mit Hilfe eines Begleiters oder Seelsorgers. Schwierig ist heute meist der Bezugspunkt für Regeln. Wir leben in einer von Individualismus geprägten Zeit. Das, was mir einleuchtet oder sinnvoll erscheint, bin ich bereit einzuhalten. Eine Regel, nur weil sie gesetzt ist, scheint nicht jedem verbindlich. Das könnte man an verschiedenen moralischen Fragen darstellen.
Glücklicherweise schenkt uns der Glaube hier Klarheit. Die Zweite Lesung erinnert an die Zehn Gebote. Sie schützen das Leben, das Eigentum, die Treue, die Wahrhaftigkeit… Damit sind wir beim zentralen Kriterium. Wir erinnern als Christen an Regeln, nicht nur weil sie irgendwo stehen. Wir vertrauen darauf, dass Gott sie uns geschenkt hat, damit das Leben gut wird. Wir vertrauen, dass Gott uns in seinem Sohn Jesus den Weg gezeigt hat, wie er will, dass wir leben. Wir verstehen die Regeln also von ihrem Ziel her, von ihrer Absicht her.
Und hier stellt sich für mein Handeln immer die Frage: Dient mein Verhalten der Gemeinschaft? Fördert es die Gemeinschaft mit Gott und mit seinen Freunden? Das ist eigentlich ein ziemlich einfaches und zugleich konkretes Kriterium. Und doch fällt es uns nicht immer leicht. Wir haben Angst, dass wir zu kurz kommen könnten, dass wir benachteiligt werden, wenn meine Vorstellungen nicht – möglichst umfassend – umgesetzt werden. Aber hier setzt der Glaube ein. Jesus sagt, nur wer sich verschenkt, gewinnt das Leben. Nur wer sich zum Diener der Gemeinschaft macht, bringt bleibende Früchte.
Ich sehe unseren Gottesdienst als eine Art „Labor“ dafür. Wir üben hier ein, dass wir gemeinsam vor Gott stehen, dass wir nur gemeinsam das Ziel erreichen. Machen wir vielleicht mal eine konkrete Übung: Wenn wir beten und singen, hören wir mehr aufeinander. Dass wir eine gemeinsame Haltung einnehmen, dass wir die gleichen Worte sprechen, dass wir uns annähern im gemeinsamen Tempo zu singen und zu sprechen, ist nicht nur etwas Äußerliches. Es ist eine echte geistliche Übung. Denn was „zwei einmütig“ erbitten, wird der Vater uns gewähren. Amen.
06.09.2026, Pfarrer Dr. Eugen Daigeler
